ICD-10 oder ICD-11
Die ICD-11 in der Psychiatrie - Fluch oder Segen?
Ein konzeptionell ambitioniertes, praktisch dysfunktionales Klassifikationssystem
Mit der ICD-11 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die tiefgreifendste Revision der Internationalen Klassifikation der Krankheiten seit Jahrzehnten vorgelegt. Insbesondere im Bereich der psychischen Störungen verfolgt die neue Version einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Weg von klar abgegrenzten kategorialen Diagnosen, hin zu dimensionalen Modellen, Schweregraden und Postkoordination.
Dieser Ansatz wird von seinen Befürwortern als wissenschaftlich zeitgemäß dargestellt. In der psychiatrischen Praxis stößt die ICD-11 jedoch auf erhebliche Kritik. Diese richtet sich weniger gegen einzelne Detailentscheidungen als gegen den grundlegenden Anspruch, ein primär statistisch und global konzipiertes Klassifikationssystem unmittelbar als tragende Grundlage für Diagnostik, Versorgung, Abrechnung und Recht einzusetzen. Der vorliegende Aufsatz argumentiert, dass die ICD-11 in ihrer derzeitigen Form für die psychiatrische Versorgung nur eingeschränkt geeignet ist und dass eine Verschiebung der praktischen Einführung fachlich geboten wäre.
1. Abschaffung kategorialer Diagnosen und Verlust klinischer Orientierung
Der folgenreichste Eingriff der ICD-11 betrifft die Persönlichkeitsstörungen. Während die ICD-10 differenzierte Diagnosen wie die narzisstische, paranoide oder dissoziale Persönlichkeitsstörung vorsah, ersetzt die ICD-11 dieses System durch eine einheitliche Diagnose „Persönlichkeitsstörung“ mit Schweregraden und optionalen Trait-Domänen. Tyrer et al. bezeichnen diesen Schritt selbst als einen „radical departure from previous classification systems“ (World Psychiatry, 2019). Die kategorialen Diagnosen der ICD-10 waren jedoch klinisch bewährte Heuristiken, die Orientierung, Kommunikation und Therapieplanung ermöglichten. Ihre Abschaffung führt nicht zu größerer diagnostischer Präzision, sondern zu einem Verlust klinischer Anschaulichkeit. Falkai et al. warnen, dass die neue Klassifikation die Gefahr birgt, „klinisch bewährte Konzepte zugunsten theoretischer Eleganz aufzugeben“ (Der Nervenarzt, 2020).
2. Dimensionale Diagnostik: Konzeptuell konsistent, praktisch untauglich
Dimensionale Modelle gelten in der Forschung als theoretisch überlegen. In der Versorgungspraxis kollidieren sie jedoch mit administrativen und rechtlichen Anforderungen. Abrechnungssysteme, sozialrechtliche Entscheidungen und Gutachten benötigen stabile, diskrete Diagnosen. Dimensionale Schweregrade erfüllen diese Funktion nur unzureichend. Reed et al. räumen selbst ein, dass die ICD-11 primär als „classification for statistical purposes and public health reporting“ konzipiert wurde (World Psychiatry, 2019). Ihre Nutzung als zentrales Versorgungssystem ist daher keine fachliche Notwendigkeit, sondern eine politische Entscheidung.
3. Postkoordination als strukturelle Überforderung
Die ICD-11 setzt stark auf Postkoordination, also die Kombination mehrerer Codes zur Abbildung komplexer Zustände. Was theoretisch als flexibel erscheint, erweist sich in der Praxis als fehleranfällig und schwer handhabbar. Gaebel et al. weisen darauf hin, dass die Komplexität der Postkoordination ihre Anwendbarkeit im klinischen Alltag erheblich einschränken kann (European Psychiatry, 2020). Die ICD-11 verlagert damit die Komplexität von der Klassifikation auf die Anwender, ohne einen erkennbaren Nutzen für die Patientenversorgung.
4. Bruch diagnostischer Kontinuität
Die tiefgreifenden strukturellen Änderungen der ICD-11 erschweren die Vergleichbarkeit mit früheren Diagnosen. First et al. betonen, dass Veränderungen dieses Ausmaßes zwangsläufig die diagnostische Kontinuität unterbrechen (World Psychiatry, 2018). Für die Psychiatrie, die langfristige Krankheitsverläufe abbildet, ist dies ein erhebliches Problem.
5. Diskrepanz zwischen Lehre, Praxis und Recht
Während die ICD-11 zunehmend in der universitären Lehre vermittelt wird, bleibt die ICD-10 in der Versorgung maßgeblich. Diese Diskrepanz führt zu Unsicherheit bei Studierenden und Berufsanfängern und entkoppelt Ausbildung und Praxis.
6. Warum eine Verschiebung der praktischen Einführung geboten ist
Angesichts dieser Defizite wäre eine Verschiebung der praktischen Einführung kein Rückschritt, sondern Ausdruck fachlicher Vernunft. Eine verfrühte Implementierung birgt Risiken wie Fehlkodierungen, Inkonsistenzen, Rechtsunsicherheit und strukturelle Fehlanreize. Gaebel et al. warnen davor, dass die ICD-11 die klinische Realität überfordern könnte, bevor ausreichende Erfahrungen vorliegen (European Psychiatry, 2020). Ein zeitlich begrenzter Parallelbetrieb, in dem die ICD-11 als Referenz- und Forschungssystem genutzt wird, während die ICD-10 in der Versorgung verbleibt, würde empirische Nachjustierungen ermöglichen und irreversible Fehlentwicklungen vermeiden.
Die ICD-11 ist kein grundsätzlich fehlerhaftes System. Sie ist jedoch in ihrer derzeitigen Form kein geeignetes Versorgungssystem für die Psychiatrie. Ihre konzeptionelle Stärke liegt in Forschung und Statistik, nicht im klinischen Alltag. Eine Verschiebung der praktischen Einführung ist daher kein Zeichen von Reformverweigerung, sondern notwendige Qualitätssicherung.
ICD-11 zwischen Anspruch und Realität
ICD-11: Bedeutung für Heilpraktiker für Psychotherapie
Mit der ICD-11 hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die tiefgreifendste Revision der Internationalen Klassifikation der Krankheiten seit Jahrzehnten vorgelegt. Besonders im Bereich der psychischen Störungen markiert die neue Version einen Paradigmenwechsel: weg von klar abgegrenzten kategorialen Diagnosen, hin zu dimensionalen Modellen, Schweregraden und komplexer Postkoordination. Dieser Wandel wird häufig als wissenschaftlicher Fortschritt dargestellt. In der psychiatrischen Praxis – und in besonderem Maße im heilpraktischen psychotherapeutischen Kontext – zeigt sich jedoch, dass die ICD-11 weniger ein praxisreifer Standard als ein konzeptionell ambitioniertes, strukturell problematisches Klassifikationssystem ist. Der vorliegende Artikel vertritt die These, dass eine vorschnelle praktische Einführung der ICD-11 nicht nur unnötig, sondern fachlich unverantwortlich wäre – insbesondere für Heilpraktiker Psychotherapie.
1. Die ICD als Arbeitsinstrument – nicht als Theoriegebäude
In der Versorgungspraxis ist die ICD kein abstraktes Ordnungssystem, sondern ein Arbeitsinstrument. Sie dient der diagnostischen Orientierung, der strukturierten Dokumentation, der Kommunikation mit anderen Fachstellen sowie der rechtlichen Absicherung. Gerade in der Psychiatrie bemisst sich die Qualität eines Klassifikationssystems nicht an theoretischer Eleganz, sondern an Verständlichkeit, Anschlussfähigkeit und Verlässlichkeit. Die ICD-10 erfüllt diese Anforderungen bis heute.
2. Abschaffung kategorialer Diagnosen und Verlust klinischer Orientierung
Der folgenreichste Einschnitt der ICD-11 betrifft die Persönlichkeitsstörungen. Die bekannten spezifischen Diagnosen der ICD-10 werden durch eine Einheitsdiagnose mit Schweregraden und Trait-Domänen ersetzt. Die kategorialen Diagnosen der ICD-10 waren klinisch bewährte Heuristiken. Sie ermöglichten Orientierung, Kommunikation, Therapieplanung und verständliche Psychoedukation. Die ICD-11 ersetzt diese klinische Anschaulichkeit durch abstrakte Dimensionen, ohne dass sich daraus ein klarer praktischer Nutzen ergibt.
3. Dimensionale Modelle als Kategoriefehler in der Versorgung
Dimensionale Modelle mögen forschungslogisch sinnvoll sein. In Versorgung, Recht und Prüfung benötigen Diagnosen jedoch klare Schwellen und stabile Kategorien. Die ICD-11 verlangt mehr Interpretation und erhöht damit die Unsicherheit – besonders für Heilpraktiker, die ohne institutionelle Absicherung arbeiten.
4. Postkoordination als praktische Überforderung
Die Postkoordination der ICD-11 erhöht Komplexität, Fehleranfälligkeit und Dokumentationsaufwand. Die Verantwortung für Konsistenz wird vom System auf den Anwender verlagert. Für Einzelpraxen ist dies realitätsfern.
5. Bruch diagnostischer Kontinuität
Die tiefgreifenden Strukturänderungen der ICD-11 erschweren die Vergleichbarkeit mit früheren Diagnosen erheblich. Langzeitverläufe, Verlaufsdokumentationen und Forschungsanschlüsse werden dadurch beeinträchtigt.
6. Die besondere Lage der Heilpraktiker Psychotherapie
Heilpraktiker Psychotherapie arbeiten unter besonderer rechtlicher Beobachtung. Für sie ist diagnostische Klarheit entscheidend. Ein interpretativ offenes Klassifikationssystem erhöht nicht die Qualität, sondern das Risiko. Gerade bei Persönlichkeitsstörungen erschwert die ICD-11 verständliche Diagnosen, saubere Dokumentation und klare Kommunikation mit Patienten und Dritten.
7. Ausbildung, Prüfung und Behördenpraxis
Prüfungen beim Gesundheitsamt orientieren sich weiterhin an kategorialer Diagnostik und klassischer Psychopathologie. Die ICD-10 ist prüfungssicher, die ICD-11 nicht. Didaktisch benötigen Schüler klare Kategorien und stabile Konzepte. Eine frühe Umstellung auf ICD-11 führt zu Verunsicherung und Systemvermischung.
8. Warum eine Verschiebung der Einführung fachlich geboten ist
Eine Verschiebung der praktischen Einführung ist keine Reformverweigerung, sondern Qualitätssicherung. Sie ermöglicht Praxiserfahrung, nationale Anpassungen und Korrekturen problematischer Konzepte, bevor irreversible Strukturen geschaffen werden.
Die ICD-11 ist wissenschaftlich ambitioniert, aber kein ausgereiftes Versorgungssystem. Für Heilpraktiker Psychotherapie ist sie derzeit kein geeignetes Arbeitssystem. Die ICD-10 bleibt aus fachlichen, didaktischen und rechtlichen Gründen die tragfähige Grundlage.
Was ändert sich für den Unterricht?
Zusätzliche Klarstellungen für Ausbildung und Unterricht:
- Für Heilpraktiker Psychotherapie gibt es derzeit keinen verbindlichen Einführungstermin der ICD-11.
- Die ICD-10 ist weiterhin praxis-, prüfungs- und rechtssicher.
- Die ICD-11 wird im Unterricht erklärend und kritisch behandelt, aber nicht als primäres Arbeitssystem verwendet.
- Schüler sollen beide Systeme verstehen, sie aber nicht vermischen.
- Eine spätere Einführung der ICD-11 ist nur sinnvoll, wenn sie sich in der ärztlichen Praxis stabil bewährt hat.